WAS DICH ERWARTET
Mehrsprachige Kinder stellen die Aussprachediagnostik vor besondere fachliche und ethische Herausforderungen: Etablierte, monolingual altersnormierte Tests sind für diese Zielgruppe häufig nicht valide, können Sensitivität und Spezifität nicht zuverlässig abbilden und bergen ein erhöhtes Risiko für Über- und Unterdiagnosen. Gleichzeitig sind gängige Vorgehensweisen in der Praxis oft schwer umsetzbar. Bei superdiversen Sprachenkombinationen, stark variierender Sprachexposition, begrenzter Dolmetschverfügbarkeit und knappen zeitlichen Ressourcen.
Dieses Seminar vermittelt ein modell- und evidenzbasiertes Diagnostikprotokoll, mit dem LogopädInnen und SprachtherapeutInnen kindliche Aussprache kontext- und sprachspezifisch beurteilen und Transfer bzw. Akzent und therapiebedürftige Aussprachestörung differenzieren können. Grundlage bildet ein diagnostisches Rahmenkonzept auf Basis aktueller Forschung und des Logopädischen Modells der Einflussfaktoren des Mehrspracherwerbs (Lo-MEM). Im Mittelpunkt steht ein induktiver, hypothesengeleiteter Ansatz: Statt normorientierter Testinterpretationen werden Informationen aus Sprachbiografie, Teilhabe/Verständlichkeit und sprachübergreifender Lautanalyse zu einer klinischen Urteilsbildung zusammengeführt. So entsteht ein tragfähiger Weg, auch ohne monolinguale Normdaten zu einer valideren und faireren Entscheidung über Therapiebedarf und Priorität zu gelangen.
Voraussetzungen
- Grundkenntnisse in kindlichem Lauterwerb und in der Diagnostik phonetisch-phonologischer Störungen
- Bereitschaft zur Reflexion eigener normativer Erwartungen an ‚Aussprache‘
- Keine spezifischen Kenntnisse einzelner Herkunftssprachen erforderlich - sprachübergreifende Vorgehenslogik steht im Vordergrund
SEMINARZEITEN UND UNTERRICHTSEINHEITEN
20.07.2026, 17:30 - 20:00 Uhr, 3 UE
Kurzvita Dozent:in
Prof. Dr. phil. Wiebke Scharff Rethfeldt ist Logopädin und leitet als Professorin für Logopädie, Mehrsprachigkeit und klinisch interkulturelle Kompetenz den Fachbereich Logopädie des Aufbaustudiengangs Angewandte Therapiewissenschaften – Logopädie und Physiotherapie B.Sc. an der Hochschule Bremen - City University.
Zu ihren Arbeitsschwerpunkten in Lehre, Forschung und Third Mission zählen u.a.
- die Frühdiagnostik von Sprachentwicklungsstörungen sowie Zugänge zur logopädischen Versorgung bei kulturell diversen und mehrsprachigen Kindern,
- konzeptionelle Überschneidungen zwischen Sprachförderung und Sprachtherapie, und
- klinisch-interkulturelle Kompetenzen in Ausbildung, Forschung und Praxis.
Dabei orientiert sie sich bewusst an den internationalen Zielen für eine nachhaltige Entwicklung der UN, darunter Gesundheit, hochwertige Bildung und Abbau von Ungleichheit. Sie hält weltweit Vorträge zu SES bei Mehrsprachigkeit und Transformation.