WAS DICH ERWARTET
Die Diagnostik von Sprachentwicklungsstörungen (SES) bei mehrsprachigen Kindern gehört zu den komplexesten Aufgaben der Logopädie. Immer mehr Kinder wachsen in komplexen, sich verändernden mehrsprachigen Lebenswelten auf. Sprachexposition, Spracherfahrung, Sprachenkombinationen und soziale Kontexte variieren erheblich und verändern sich im Verlauf der Kindheit.
Traditionelle Annahmen, wonach das Alter des Zweitspracherwerbs oder monolinguale Erwerbsverläufe eine verlässliche Grundlage für diagnostische Entscheidungen darstellen, erweisen sich vor diesem Hintergrund als unzureichend. Daher müssen wir uns kritisch mit der Frage auseinandersetzen, ob monolinguale Kinder überhaupt eine geeignete Bezugsgruppe für die Einschätzung sprachlicher Fähigkeiten mehrsprachiger Kinder darstellen.
Auf Basis aktueller internationaler Forschung wird aufgezeigt, warum monolingual normierte, altersbezogene Testverfahren bei mehrsprachigen Kindern systematisch an ihre Grenzen stoßen und ein erhöhtes Risiko für Fehl- und Unterdiagnosen bergen. Ein besonderer Fokus liegt auf der diagnostischen Überbewertung standardisierter Tests in der klinischen Praxis sowie auf zentralen psychometrischen Begriffen zur diagnostischen Genauigkeit. So werden Gütekriterien wie Sensitivität und Spezifität von Reliabilität und Validität abgegrenzt und in ihrer Bedeutung für diagnostische Entscheidungen bei mehrsprachigen Kindern eingeordnet. Statt einer altersnormorientierten Perspektive bedarf es eines entwicklungspsychologisch und mehrdimensional ausgerichteten Diagnostikansatzes. Ziel ist es, sprachliche Auffälligkeiten differenzialdiagnostisch einzuordnen, ohne monolinguale Vergleichsgruppen als Referenz heranzuziehen.
Das Webinar zeigt auf, dass diagnostische Entscheidungen bei mehrsprachigen Kindern jenseits standardisierter Tests fundiert, evidenzbasiert und verantwortungsvoll getroffen werden können, unter Einbezug klinischer Expertise, mehrerer Methoden und interprofessioneller Perspektiven.
SEMINARZEITEN UND UNTERRICHTSEINHEITEN
23.03.2026, 17:30 - 20:00 Uhr, 3 UE
Kurzvita Dozent:in
Prof. Dr. phil. Wiebke Scharff Rethfeldt ist Logopädin und leitet als Professorin für Logopädie, Mehrsprachigkeit und klinisch interkulturelle Kompetenz den Fachbereich Logopädie des Aufbaustudiengangs Angewandte Therapiewissenschaften – Logopädie und Physiotherapie B.Sc. an der Hochschule Bremen - City University.
Zu ihren Arbeitsschwerpunkten in Lehre, Forschung und Third Mission zählen u.a.
- die Frühdiagnostik von Sprachentwicklungsstörungen sowie Zugänge zur logopädischen Versorgung bei kulturell diversen und mehrsprachigen Kindern,
- konzeptionelle Überschneidungen zwischen Sprachförderung und Sprachtherapie, und
- klinisch-interkulturelle Kompetenzen in Ausbildung, Forschung und Praxis.
Dabei orientiert sie sich bewusst an den internationalen Zielen für eine nachhaltige Entwicklung der UN, darunter Gesundheit, hochwertige Bildung und Abbau von Ungleichheit. Sie hält weltweit Vorträge zu SES bei Mehrsprachigkeit und Transformation.